Zitat des Monats September 2017

"Jede Würde des Menschen war einfach weg."

(Rainer Dellmuth, im Zuchthaus Cottbus 1972 inhaftiert)

Weitere Zitate

Laut Aussagen eines Zeitzeugen stammt diese Zeichnung von einem Mann, der im Frühjahr 1985 aus politischen Gründen im Erziehungsbereich 5 oder 7 des Hafthauses I inhaftiert war und die Initialen F.T. trug.

Von Februar bis April 1985 zeichnete er zwei volle Blöcke mit künstlerisch wunderschönen Motiven. Darunter sind Zeichnungen von Haftkameraden, sehr ausdrucksstarke symbolische, abstrakte oder sogar politische Motive, aber auch Landschaften. Unter jeder dieser Zeichnungen sind seine Initialen F.T. zu lesen. Sein ehemaliger Erzieher war von der Qualität der Zeichnungen so sehr beeindruckt, dass er sie nach der Rückgabe der Blöcke nicht vernichtete, sondern all die Jahre aufbewahrte. Nähere Informationen zu dem Häftling sind uns leider nicht bekannt.

Wer ist F.T.? Wer kennt diese Zeichnungen oder wurde gar von ihm porträtiert? Vielleicht lebt der Häftling sogar noch und man kann ihm seine Zeichnungen zurückgeben. Wir nehmen jeden weiterführenden Hinweis gerne entgegen. Wenn F.T. selbst diese Zeilen liest und sich meldet, wäre es sogar noch schöner.

Objekte des Monats

2017

Schreiben der Strafvollzugsanstalt Cottbus zur Rücksendung von Privatsachen, 9. Dezember 1954

Wie vielen anderen Häftlingen in der DDR nahm man Arno Drefke in der Strafvollzugsanstalt Cottbus alle persönlichen Gegenstände und Kleidungsstücke ab und ersetzte sie durch eine anonyme Häftlingsausstattung.
Schreibmaterialien durften die Häftlinge oft gar nicht oder höchstens vorübergehend mit in ihre Zellen nehmen.

Dies diente einerseits der Sicherheit und Hygiene – so sollten zum Beispiel Selbstmordversuche verhindert werden. Andererseits war es eine willkommene Möglichkeit, den Häftlingen einen Teil ihrer Persönlichkeit zu nehmen und ihnen jeglichen Komfort zu versagen.

Die Privatsachen wurden entweder in der Effektenkammer, einem gesonderten Bereich des Gefängnisses, aufbewahrt oder wie im Fall von Arno Drefke den Angehörigen zurückgegeben.

Arno Drefke war im April 1953 bei einer Kurierfahrt für eine DDR-kritische Jugendorganisation verhaftet und wegen „Spionage“ und „Verbindungen zu West-Berliner Dienststellen“ zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden. Einen Teil der Strafe verbüßte er von September 1953 bis April 1957 in der Strafvollzugsanstalt Cottbus. Erst nach fast zehn Jahren kam er im Sommer 1962 frei.

2016

„Einschätzung“

In einem Dokument der Haft- und Vollzugsakte wird von einem Oberleutnant des Strafvollzugs der DDR eine „Einschätzung“ zu Martin Klopf gegeben.

Es wird deutlich, wie die Strafvollzugsangehörigen ihren Erziehungsauftrag verstanden und woran mögliche Erziehungserfolge gemessen wurden.

Vollzugsakte Martin Klopf

Quelle: Vollzugsakte Martin Klopf, Einschätzung vom 26.07.1989

Nur für den Dienstgebrauch!

Handbuch für operative Dienste

Im Lehrbuch „Operative Dienste“ wurden Aufgaben und grundsätzliche Regeln für die Arbeit von Bediensteten im DDR-Strafvollzug definiert. Insbesondere wurde auf den Umgang mit Häftlingen und auf die Sicherheit und Erziehung im Strafvollzug eingegangen.

Unter anderem wurde die Anwendung von Führungsketten, Hand- und Fußfesseln sowie Horch – und Sichtkontrollen, aber auch die Anwendung des Schlagstocks beschrieben.


Foto: Ralf Marten

Weitere Fundstücke in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus

Bei Aufräumungsarbeiten in der Werkhalle des ehemaligen Arbeitseinsatzbetriebes (AEB) VEB Sprela Werke Spremberg wurden nach mehr als 25 Jahren im Juni 2016 verschiedene Kleinteile im Mauerwerk gefunden. Die Häftlinge des Zuchthauses Cottbus mussten u.a. diese Teile, die als Stangenmaterial angeliefert wurden, auf Länge zusägen und auf Drehbänken nach Vorgabe innen und außen bearbeiten.

Die Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus arbeitet aktuell zum Thema (Haft-) Zwangsarbeit im Strafvollzug Cottbus und hat einen Zeitzeugenaufruf gestartet. Eine Klärung der Fragen, unter welchen Bedingungen politische Häftlinge im Strafvollzug Cottbus Zwangsarbeit ausgesetzt waren, leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte und schafft Voraussetzungen für eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Wir bitten alle ehemaligen politischen Häftlinge, aber auch ehemalige Zivilmeister der Arbeitseinsatzbetriebe (AEB) und Bedienstete der StVE Cottbus sich bei der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus zu melden. weiterlesen


Foto: Ralf Marten

"Ein Schachspiel und seine Weltreise"

"Sieben Monate Untersuchungshaft im Stasi-Gefängnis Bautzenerstraße in Dresden, davon vier Monate Einzelhaft in einer Kellerzelle, wo ich das Schachspiel aus Brot und Speichel baute, die weißen Figuren mit etwas Zahnpasta und das Schachbrett aus dem Silberpapier einer Zigarettenschachtel.

Viele Wochen habe ich mit einem Mithäftling, den Namen habe ich vergessen, der in einer Zelle über mir saß, Schach gespielt, wobei die Spiele oft über Tage – verzögert durch zeitraubende Klopfverständigung, Verhörunterbrechungen, Zellenrevisionen usw. dauerten. Mit viel Mühe und zahlreichen Tricks hat mich das Spiel nach Cottbus, Chemnitz, Stuttgart, Heidenheim, Paris, Latina (Italien), Canterbury und zuletzt nach Kreta begleitet, um wieder zurück nach Cottbus zu kommen, wo es die meiste Zeit in Gebrauch war!" Das Schachspiel befindet sich als neues Objekt in der Dauerausstellung "Karierte Wolken".

Bernhard Krenkel
1968 – 1969 in Cottbus inhaftiert

Das Schachspiel befindet sich als neues Objekt in der Dauerausstellung "Karierte Wolken".

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Brief aus dem Zuchthaus Cottbus 

Die Kontaktmöglichkeiten der Häftlinge zu Verwandten und Freunden war im Strafvollzug der DDR streng reglementiert. Briefkontakte waren nur zu Personen möglich, die bei Beginn der Einlieferung in Cottbus festgelegt werden mussten. Die „Erzieher“ zensierten die Post der Gefangenen.

Gilbert Furian, wegen ungesetzlicher Verbindungsaufnahme und öffentlicher Herabwürdigung (§§ 219, 220) zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt, schrieb im Januar 1986 einen Brief aus dem Zuchthaus Cottbus, in dem er die besonderen Vokabeln der Häftlinge beschreibt. Erstaunlich, dass dieser Brief durch die Zensur der „Erzieher“ nicht einbehalten wurde.

4. Brief Januar 1986

Foto des Zuchthauses Cottbus aus den 1980er Jahren


„Diese Aufnahme der StVE Cottbus fotografierte ich heimlich im März 1984, ein Jahr nach meiner Haftentlassung mit einem 200mm-Teleobjektiv auf einer Pentacon-Praktika. Durch die noch dürren Zweige im Vorfrühling hatte ich gute Sicht.
Für die Frühjahrsmesse 1984 reiste ich trotz Einreiseverbotes mit einem Messevisum eines Modehauses meiner Freundin im grünen Käferauto nach Leipzig und von dort unerlaubt mit dem Zug nach Cottbus zum Gefängnis. Aus dem Treppenhaus der Wohnanlage gegenüber des Gefängnisses nahm ich diese Bilder auf. Meinem Mithäftling Peter Kornexl schenkte ich den Abzug als Erinnerung an die harte Zeit, als ich unbehelligt zurück in Wiesbaden war.“

 

Objekt des Monats Mrz 2016

Foto: Cottbuser Häftlingsgemeinschaft, Roland B., März 1984

 

 

Objekt des Monats Februar 2016

 Ordner mit Fragebögen ehemaliger politischer Häftlinge

Unmittelbar nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland füllten einige ehemalige politische Häftlinge Fragebögen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) aus, die Informationen zur Untersuchungshaft, dem Gerichtsverfahren und dem Haftalltag im DDR-Strafvollzug geben. Die Fragebögen stellen eine besonders wichtige Quelle dar, da sie kurz nach der Freilassung ausgefüllt wurden.


Der Ordner mit den Fragebögen politischer Häftlinge, die das Zuchthaus Cottbus betreffen, wurde der Gedenkstätte durch die IGFM im Jahr 2015 übergeben.

Quelle: IGFM

Ein Kassiber im Brillenetui

„Über die Möglichkeit von der Bundesrepublik Deutschland aus dem Zuchthaus freigekauft zu werden, erfuhr ich von einem Mithäftling. Da dieser staatlich organisierte Menschenhandel in aller Heimlichkeit stattfand, war es schwierig, entsprechende Informationen nach "draußen" zu bringen, um über die Rechtsanwälte Stange (West) und Vogel (Ost) den Freikauf in die Wege zu leiten.

Alle notwendigen Informationen schrieb ich deshalb auf zwei Blatt Zigarettenpapier, die ich, eng zusammengewickelt und mit Silberpapier (aus einer Zigarettenschachtel) geschützt, zwischen Oberlippe und oberen Schneidezähnen versteckt zu einem "Sprecher" mit meiner Mutter mitnahm. Diese Vorsichtsmaßnahme war notwendig, da vor dem "Sprecher" die Anstaltskleidung gegen eine Besucherkleidung (alte Militärklamotten mit zugenähten Taschen) unter Aufsicht gewechselt wurde, wobei alle Körperöffnungen kontrolliert wurden, um Kassiberübergaben zu verhindern. Beim Gespräch mit meiner Mutter gelang es mir dann, unter den Augen des Wärters, der mit am Tisch saß, die kleine Kassiberrolle in das Brillenetui meiner Mutter zu schummeln.“

Bernhard Krenkel (1968 – 1969 in Cottbus inhaftiert)

Der Kassiber wird seit dem 10. Dezember 2015 in der Ausstellung „Karierte Wolken“ präsentiert.

2015

„Resolution aller SG der StVE Cottbus“, 04. Dezember 1989

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Während im Herbst 1989 Tausende Bürger in der DDR demonstrierten und am 09. November 1989 die Berliner Mauer fiel, regte sich auch in den Haftanstalten der DDR massiver Protest. In der Strafvollzugseinrichtung Cottbus bildete sich Anfang Dezember 1989 ein Gefangenenrat. Fünf Häftlinge formulierten eine Resolution, die sie an die Regierung der DDR und die Volkskammer richteten. Zu den Forderungen zählten u.a. die Abschaffung aller Paragrafen des politischen Strafrechtes der DDR, die vollständige Realisierung der Amnestie vom 28.10.1989 (Entlassung aller politischen Häftlinge) und eine menschenwürdige Unterbringung und Behandlung der Strafgefangenen.


Die Originalabschrift der Resolution vom Dezember 1989 wurde von Martin Rohde, einem ehemaligen politischen Häftling, der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus im Dezember 2013 übergeben.

Quelle: Martin Rohde (inhaftiert im Zuchthaus Cottbus Oktober 1989 bis Dezember 1989)