Zitat des Monats

"Die Transportzellen waren voller Menschen. Ein Bereich mit Gestank und Unrat."

Dr. Alfons Wilding, von 1975 bis 1976 im Zuchthaus Cottbus inhaftiert

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Die »Fahrrad-Theologie«

Das in Südafrika ansässige »Institute for the Healing of Memories« engagiert sich für Trauma- und Versöhnungsarbeit in ihrer eigenen Apartheid-Unrechtsgeschichte. Gründer und Direktor des Instituts ist der gebürtige Neuseeländer Michael Lapsley, ein anglikanischer Priester (Mitglied der anglikanischen Society of the Sacred Mission) und ein früherer Anti-Apartheid-Aktivist.

Lapsley kehrte 1992 nach 16 Jahren Exil (in Lesotho und Simbabwe) nach Südafrika zurück, nachdem er 1990 in Simbabwe Opfer eines Briefbombenattentats geworden war und dabei beide Hände und ein Auge verloren hatte. Inspiriert durch seine persönliche Geschichte der körperlichen, emotionalen und spirituellen Heilung, initiierte er nun in seinem Institut Prozesse zur Verarbeitung von Traumata und Leiden, die im Zuge der Apartheid entstanden waren. Reverend Michael Lapsley sagt dazu:

„Viele Nutznießer der Apartheid erwarten dass diejenigen, die zur Zeit des alten Systems unterdrückt wurden, einfach weiterleben, als wäre nichts geschehen. Auch manch christlicher Prediger spricht über Vergebung, als sei sie schnell, billig und einfach zu haben. Für die meisten Menschen ist Vergebung jedoch verlustreich, schmerzhaft und kompliziert. Diesen Predigern wäre es lieb, wenn wir uns an eine Theologie hielten, die ich Fahrrad-Theologie nenne. Ich stehle dein Fahrrad. Sechs Monate später komme ich zu dir und gebe es zu. Ja, das tut mir sehr leid, dass ich dein Fahrrad gestohlen habe. Bitte vergib mir. ‘Und dann behalte ich das Fahrrad!‘ Das Vergeben und das Heilen von Beziehungen erfordern die Rückgabe dessen, was gestohlen wurde.“

Wenn der Versöhnungsprozess mit allen Beteiligten jedoch nicht – oder nur teilweise - gelungen ist, konnte das Ziel der Wahrheitskommission ebenso wenig erreicht werden. Wenn das – im Bilde gesprochen – Fahrrad nicht zurück gebracht wird, werden die Verhältnisse nicht wirklich heil.

Dieses ist aber die Voraussetzung, um nicht nur Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen, sondern der Aufarbeitung der Vergangenheit und schließlich Versöhnung gelingen zu lassen.

Drei Aspekte der Diskussion sind zu nennen, die für einen perspektivischen Aufarbeitungs-, Heilungs- bzw. Versöhnungsprozess notwendig erscheinen:

  1. Das Erkennen der Struktur von Diktaturen
  2. Den Opfern muss geholfen werden, aus ihrer Opferhaltung heraus zu kommen
  3. In den Prozess der Aufarbeitung müssen alle Beteilgten mit einbezogen werden

Es wächst die Erfahrung, dass einander zugefügtes Leid Opfer und Täter leidvoll miteinander verbindet. Erinnern und Gedenken darf die vielfältigen Verletzungen nicht übergehen, sondern muss Orte schaffen, an denen Zorn und Enttäuschung artikuliert werden dürfen.

Das bezieht sich selbstverständlich auch auf die Beziehungen zwischen dem südlichen Afrika und Europa: Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem südlichen Afrika und Deutschland ist voller Spannungen aber auch Herausforderungen. Gerade wegen der erlittenen - sehr verschiedenen - Diktaturerfahrungen und deren jeweiligen Hinterlassenschaften wäre es chancenreich sich heute stärker als in der Vergangenheit sich gemeinsam zu bemühen, die jeweiligen Wunden der Vergangenheit zu heilen.

Aktuell fordern Vertreter beider Seiten ihre jeweiligen Kirchen heraus, gerade auch die schwierigen Abschnitte der Geschichte herauszuarbeiten, um so einen gelingenden Beitrag zur Aufarbeitung dieser Vergangenheit zu leisten.

Wenn wir den Blick wieder auf Deutschland lenken und die Aufarbeitung der deutschen Diktaturerfahrung betrachten, genügt es nicht die nationalsozialistische Unrechtsgeschichte anzusehen. Die Auseinandersetzung mit der realsozialistischen Diktatur gehört unausweichlich dazu.

Zweieinhalb Jahrzehnte nach Erlangen der Demokratie in ganz Deutschland, insbesondere nach dem außerordentlich sensiblen Umgang mit den Erkenntnissen der geöffneten Stasi-Akten, erhalten einerseits diejenigen – leider immer noch viel zu langsam – eine wachsende Aufmerksamkeit, die im Unrechtssystem der DDR auf besondere Weise geschädigt wurden. Andererseits beharrt eine übergroße Mehrheit der Repräsentanten des politischen Repressionssystems der DDR noch immer auf ihren dogmatischen Rechtfertigungstheorien.

Wenn Versöhnung gelingen soll, müssen sich - auch hier - alle am Unrecht Beteiligten an „einen Tisch“ versammeln; dann muss überdies - in Einbeziehung mit der jüngsten Generation - der Diskurs über Recht und Unrechtsauffassungen unter Diktatur-Bedingungen geführt werden.

Pfarrer - Christoph Polster