Aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 31.03.11

GESCHICHTE: Gedenkstätte hinter Knastmauern

Der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus plant die Sanierung des alten Gefängnisses

COTTBUS - Auf dem Gelände des alten Cottbuser Gefängnisses könnten schon bald eine Gedenkstätte und ein Bildungszentrum entstehen. Mit der Entscheidung über dringend benötigte Fördergelder rechnet Sylvia Wähling, geschäftsführende Vorsitzende des Vereins Menschenrechtszentrum, täglich.

Seit vier Jahren bemüht sich der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus bereits darum, auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses eine Gedenkstätte zu errichten. Die Haftanstalt ist rund 150 Jahre alt und wurde in der Weimarer Republik als Strafgefängnis genutzt. Während der Nazizeit war es ein Frauengefängnis und in der DDR-Zeit wurden vor allem politische Gefangene inhaftiert. „Vom Bund haben wir Fördergelder für eine Ausstellung über diese drei Epochen der Haftanstalt beantragt. Der Schwerpunkt wird die DDR-Zeit betreffen“, sagt Sylvia Wähling. Der Verein Menschenrechtszentrum hat mittlerweile 87 Mitglieder, unter ihnen der Generalsekretär der Landes-CDU, Dieter Dombrowski, der sich als Vorsitzender engagiert. Dombrowski war zu DDR-Zeiten hier 20 Monate inhaftiert – wegen „Vorbereitung zur Republikflucht“ und „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“. Er wurde von der Bundesrepublik später freigekauft.

Um die Ausstellung und weitere Vorhaben realisieren zu können, müssen die Fördergelder aber noch genehmigt werden. Insgesamt geht es um zwei Millionen Euro, die jeweils zur Hälfte vom Land Brandenburg und vom Bund kommen sollen. Die Gelder vom Land würden aus dem Vermögen der DDR-Parteien stammen. Rund 300 000 Euro bringt der Verein aus Eigenmitteln auf.

Allerdings drängt die Zeit, da die Fördermittel bis Ende des Jahre investiert werden und die geplante Sanierung des Geländes bis dahin abgeschlossen sein muss. „Uns wurde gesagt, dass bald eine Entscheidung fällt. Wir brauchen Klarheit, damit es losgehen kann. Schließlich steht auch der Kauf des Areals noch aus“, so Wähling.

Momentan gehört das gesamte, 22 000 Quadratmeter große Gelände einem privaten Investor. Dieser erwarb es 2007 für 310 000 Euro vom Land. Geplant ist, dass das Gebäude in der Bautzener Straße 139, in dem der Verein derzeit seine Räume hat, sowie der Außenbereich an den Investor gehen. Er möchte dort Wohnungen bauen. Das Gelände innerhalb der alten Gefängnismauern samt der Hafthäuser soll laut Wähling für mehrere hunderttausend Euro an den Verein Menschenrechtszentrum Cottbus gehen. „Das wäre einmalig. Wir würden die Gefängnisgedenkstätte besitzen, wären Träger und würden sie zudem noch betreiben. Das garantiert uns Freiheit bei der Planung der Ausstellung“, freut sich Wähling. Dem Entwurf zum Bebauungsplan haben die Cottbuser Stadtverordneten bereits zugestimmt. „Ursprünglich wollte der Investor ein Hostel auf dem Gelände bauen. Jetzt steht allerdings der Lösung mit der Gedenkstätte nichts mehr im Wege“, sagt Christian Hollnick vom Amt für Stadtentwicklung.

Die Pläne für die Sanierung sowie die Schwerpunkte der Ausstellung sind bereits konkret. Nach der Restaurierung des Haupthauses, die bis Dezember abgeschlossen sein soll, will der Verein bis 2013 auf einer Fläche von rund 500 Quadratmetern eine Ausstellung über die Geschichte des Knasts aufbauen. „Die Sicht der ehemaligen politischen Gefangenen spielt eine große Rolle. Die Ausstellung wird einen starken Cottbus-Bezug haben“, so Wähling. Es sollen auch Berichte von Zeitzeugen berücksichtigt werden. Das Bildungszentrum soll sich vor allem auf Projekttage für Schulklassen und Interessierte spezialisieren. Außerdem sind während des gesamten Jahres Veranstaltungen zu entsprechenden Themen geplant. Momentan beschäftigt der Verein bereits vier Mitarbeiter, im April kommen drei weitere dazu. Wenn die Fördergelder genehmigt werden sollten, würden zudem zwei feste Stellen geschaffen. (Von Manuel Holscher)

 

In der „Roten Hölle“:

Im April 1860 wurde das alte Backstein-Gefängnis auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei vor den Toren der Stadt eröffnet. Sein Spitzname war „Rote Hölle" – wegen der roten Backsteine. Jahrzehntelang war es ein ganz normaler Knast.

Ende der 1960er Jahre erfolgte die Umwandlung zum politischen Zuchthaus in der DDR. Bis zum Untergang des SED-Staates ließ Staats- und Parteichef Erich Honecker hier die kritische Intelligenz einsperren. In Cottbus saßen Hunderte Ärzte, Schriftsteller, Wissenschaftler, Geistliche und sogar Direktoren und Stasi-Offiziere. Die meisten wegen versuchter Republikflucht.

Die Haftbedingungen in Cottbus waren besonders berüchtigt. Für 600 Häftlinge vorgesehen, wurden zeitweise bis zu 1400 Menschen zusammengepfercht.

Von Cottbus aus wurden mehr als 5000 Frauen und Männer in den Westen verkauft. Kein anderes DDR-Gefängnis hatte einen höheren Anteil an Freikäufen. Der marode SED-Staat nahm damit bis zum Mauerfall rund 500 Millionen DM ein. MAZ