Zitat des Monats

"Die Transportzellen waren voller Menschen. Ein Bereich mit Gestank und Unrat."

Dr. Alfons Wilding, von 1975 bis 1976 im Zuchthaus Cottbus inhaftiert

Weitere Zitate

Das Nagelkreuz

nagelkreuzDas Nagelkreuz, zusammengefügt aus den Überresten der von deutschen Weltkriegsfliegern zerstörten Kathedrale St. Michael von Coventry, ist zu einem weltweiten Zeichen geworden, in dem sich der unauflösbare Zusammenhang von Schuld und Versöhnung des christlichen Glaubens in der realen Wirklichkeit unserer Welt wiederspiegelt. Die Stadt Coventry wird wie keine andere in Verbindung mit dem Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung, den im November 1940 deutsche Flieger gegen England geflogen haben, gebracht. „Coventrieren“ – so lautete im Jargon der Sprache des Dritten Reiches die nationalsozialistische Bemühung, Großstädte – und damit insbesondere Menschen - vollständig zu vernichten.

Das »Wunder-bare« mitten in dieser Katastrophe ereignet sich zum Christfest des Jahres 1940, als über die BBC die Worte des Propstes Richard Howard zu hören sind: „Wir werden eine freundlichere, einfachere, eine mehr christuskindgemäße Welt jenseits der Fehde zu gestalten versuchen ...“

Und später, nach Coventry, Birmingham und London waren im Kriegsverlauf auch in Deutschland Städte wie Dresden, Leipzig, Hamburg, Berlin ... zerstört. An allen diesen Orten starben Tausende und Abertausende auch an den Spätfolgen dieser furchtbaren Kriegsereignisse. Und wieder war es Propst Howard, der 1948 in die Mauern der Ruine der Kathedrale einen Gebetsruf einmeißeln ließ: „Vater vergib“. Nicht etwa „Vater vergib den Todespiloten ...“, sondern „Vater vergib“. Kriegsführende aller Seiten waren damit angesprochen.

Gerade in der von Howard offen gehaltenen Bitte „Vater vergib“ wird deutlich: Konflikte werden stets von vielen Seiten verursacht und Vergebung muss sich dementsprechend auch zwischen diesen Seiten ereignen. Aber ist Vergebung nach all diesen Verletzungen möglich?

Dieser von Probst Howard inspirierte – heilige - Geist von Coventry korrespondiert mit dem, was sich der Verein Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. und die Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus zum Ziel gesetzt haben: Die Wunden der Vergangenheit zum Heilen zu bringen. Auch uns muss die Frage gestellt werden, ob Vergebung und Versöhnung möglich sind und ob alle Beteiligte angesprochen und bereit dazu sind?

Weiter muss man fragen: Kann so etwas überhaupt gelingen? Wie zerbrechlich ist ein solcher Prozess? Und wenn er begangen werden soll, welche Wege müssen gegangen werden? Wird die Kraft ausreichen, diese Wege gehen zu können? Darüber hinaus muss gefragt werden: Was ist mit denen, die solche Wege nicht gehen können oder wollen?

Schnell wird klar: Mit »Versöhnung« haben wir es mit einem Geschehen zu tun, das uns aus der Vergangenheit in die Aktualität unserer heutigen Bemühungen bindet: Die Spätfolgen der Unrechtsgeschichte der zwei deutschen Diktaturen, der nationalsozialistischen wie auch der realsozialistischen, aufzuarbeiten.Konfrontiert mit dem Versöhnungsbemühen der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft wird jeder gestärkt, der sich auf den Weg zur Versöhnung aufmachen will, der sich um einen Täter-Opfer-Ausgleich angesichts andauernder Diktaturerfahrungen müht. All das wird immer wieder Rückschläge und/oder neues Aufbrechen alter Wunden erfordern, kostet unendlich viel Kraft und bedarf der ständigen Ermutigung.