Möbel, Fotoapparate, Damenstrumpfhosen, Fernseher und Schreibmaschinen: In der DDR wurden Waren für westliche Unternehmen auch von politischen Gefangenen produziert. Das Geschäft brachte dem SED-Regime dringend benötigte Devisen. Für die Betroffenen bedeutete es Arbeit unter Zwang und schwierigen Bedingungen.
Am Dienstag, 30. Juni 2026, spricht Dr. Tobias Wunschik vom Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv um 17 Uhr in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus über dieses bislang wenig bekannte Kapitel der DDR-Geschichte.
Wunschik gehört zu den profiliertesten Forschern zur politischen Justiz und zum Strafvollzug in der DDR. Anhand von Unterlagen der Staatssicherheit zeigt er, dass Verantwortliche westlicher Unternehmen teilweise vom Einsatz Gefangener wussten. Der Vortrag beleuchtet auch die Rolle der Staatssicherheit, die das Devisengeschäft absicherte und Informationen über die Produktionsbedingungen vor der Öffentlichkeit abschirmte.
„Wir freuen uns sehr, Tobias Wunschik in Cottbus begrüßen zu können. Seine Forschung verbindet historische Präzision mit dem Blick auf die Menschen, die hinter den Akten und wirtschaftlichen Zahlen stehen“, sagt Heide Schinowsky vom Menschenrechtszentrum Cottbus. „Das Thema zeigt, wie politische Repression und wirtschaftliche Interessen im SED-Staat zusammenwirkten. Gerade in einer ehemaligen Haftanstalt ist es wichtig, diese Geschichte sichtbar zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen.“
In den 1980er Jahren erzielte das SED-Regime mit der Produktion durch Gefangene Schätzungen zufolge jährlich Devisen im Wert von mindestens 200 Millionen D-Mark. Hinter diesen Einnahmen standen auch Menschen, die aus politischen Gründen inhaftiert waren und deren Arbeitskraft wirtschaftlich genutzt wurde.
„Es wird Zeit, dass auch die Firma Otto hierfür Verantwortung übernimmt, so wie es beispielhaft die Firma IKEA gemacht hat“, erklärt Dieter Dombrowski, Vorsitzender vom Verein Menschenrechtszentrum Cottbus. Die Firma Otto hatte in der DDR produzierte Praktika-Kameras vertrieben. In größeren Stückzahlen wurde diese Art Kameras in Haft-Zwangs-Arbeit in Cottbus von politischen Häftlingen gefertigt. Der Möbelkonzern IKEA beteiligt sich mit sechs Millionen Euro an einem Fonds für Opfer der SED-Diktatur.
Bereits von 11 bis 17 Uhr können Besucherinnen und Besucher am selben Tag Anträge auf persönliche Akteneinsicht in Stasi-Unterlagen stellen. Mitarbeitende des Stasi-Unterlagen-Archivs Frankfurt (Oder) beraten außerdem zu Anträgen für verstorbene oder vermisste Angehörige sowie zur Entschlüsselung von Decknamen. Für die Antragstellung ist ein gültiges Personaldokument erforderlich.